Reisefreudige Vorfahren

Meine Vorfahren waren erstaunlich reisefreudig. Allerdings nicht immer freiwillig. Die Geschichte der Familie Winkelbauer führt über mehrere Jahrhunderte und durch verschiedene Regionen Europas – vom Böhmerwald über Galizien und den Warthegau bis nach Niedersachsen.

Eine Familiengeschichte quer durch Europa

Zwei meiner drei Großeltern wurden in Gegenden geboren, die heute nicht mehr zu Deutschland gehören beziehungsweise bei meinem Großvater mütterlicherseits nie zu Deutschland gehörten.

Um herauszufinden, woher die eigene Familie kommt, muss man zunächst diejenigen befragen, die noch aus eigener Erinnerung erzählen können. Das habe ich in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer wieder getan.

Bei manchen Familienzweigen war die Suche vergleichsweise einfach, bei anderen wesentlich schwieriger. Besonders spannend ist die Geschichte der Vorfahren meines Großvaters Winkelbauer.

1677 – Der älteste Nachweis

Der älteste bisher belegbare Nachweis meiner Vorfahren mit dem Namen Winkelbauer stammt aus dem Jahr 1677 und führt in den Böhmerwald.

In Albrechtsried (Albrechtice) heiratet in diesem Jahr Lorenz Winkelbauer eine Elisabeth Veits.

Vermutlich wurde Lorenz bereits um 1656 dort geboren und getauft. Dies ist jedoch bis heute nicht sicher belegt. Auch die Verbindung zu dem ältesten bisher nachgewiesenen Winkelbauer aus dem Böhmerwald, Jakob Winklbauer, ist bislang nur eine begründete Vermutung.

Vom Böhmerwald nach Galizien

Weitere drei Generationen der Familie lebten im Böhmerwald.

Der Urururenkel von Lorenz, Johann Baptist Winkelbauer, wurde 1811 in Rehberg (Srní) geboren.

Später wanderte er nach Kolomea (Kolomyja) in Galizien aus, in das Gebiet der heutigen Westukraine.

Dort hatten sich Auswanderer aus dem Böhmerwald niedergelassen, die zuvor teilweise über die Bukowina – das heutige rumänische Gebiet – weitergezogen waren. Sie gründeten dort unter anderem die Siedlung Mariahilf.

Johann Baptist heiratete 1836 eine weitere Auswanderin, Anna Fischer.

Das Ehepaar hatte sechs Kinder. Auch die folgenden Generationen lebten in Galizien.

1940 – Eine erzwungene Reise

Die nächste große Veränderung kam während des Zweiten Weltkriegs. Im Zusammenhang mit dem Hitler-Stalin-Pakt und der anschließenden nationalsozialistischen Umsiedlungspolitik wurden zahlreiche deutschstämmige Bewohner aus den von der Sowjetunion besetzten Gebieten umgesiedelt.

Auch mein Urgroßvater Wilhelm Winkelbauer und seine Familie mussten Galizien verlassen.

Sie kamen zunächst in ein Umsiedlerlager und wurden anschließend im sogenannten Warthegau angesiedelt.

Dort wurde ihnen ein Hof zugewiesen. Die bisher dort lebenden polnischen Bewohner waren zuvor im Rahmen der deutschen Besatzungs- und Siedlungspolitik vertrieben worden.

1945 – Schon wieder auf der Flucht

Die neue Heimat sollte jedoch nicht lange eine Heimat bleiben.

Als sich 1945 die sowjetischen Truppen näherten, musste die Familie erneut fliehen.

Im Frühjahr 1945 endete diese Reise schließlich im Landkreis Gifhorn.

Dort leben bis heute zahlreiche Nachfahren der ehemaligen Galiziendeutschen.

Und die Reise ging noch weiter

Nicht alle Mitglieder der Familie blieben in Deutschland.

Der Bruder meines Urgroßvaters, Karl Winkelbauer, wanderte beispielsweise zeitweise nach Argentinien aus. Die Schwestern meines Urgroßvaters, Anna und Karolina, gingen dauerhaft in die USA.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Mehr als 300 Jahre Familiengeschichte

Von dem ersten bisher belegten Winkelbauer im Böhmerwald im Jahr 1677 bis zu den Nachfahren im Landkreis Gifhorn liegen mehr als drei Jahrhunderte wechselvoller Familiengeschichte. Die Geschichte zeigt, wie stark sich Migration, politische Veränderungen und Krieg auf die Lebenswege einzelner Familien auswirken können.

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