Ahnen- und Familienforschung Dirk Ullrich
Familiengeschichte entdecken – Vergangenheit bewahren

Vom Schwarzen Meer in den Harz – die außergewöhnliche Lebensgeschichte der Anna Charlotte Rhebisch

Ein Eintrag, der Fragen aufwirft

1. Dezember 1747.

Im Kirchenbuch von Zorge steht ein Hochzeitseintrag, der zunächst wie viele andere Einträge seiner Zeit aussieht.

Der Bräutigam ist Christian Moritz Grimm, Pastor in Zorge und Sohn des Hohegeißer Fuhrmanns Salomon Bernhard Grimme.

Seine Braut heißt Anna Charlotte Rhebisch.

Doch dann wird der Eintrag interessant.

Christian Moritz Grimm beschreibt seine Braut als Kammerdienerin der verwitweten Herzogin Christine Louise und nennt ihren Vater Abbas, den „wohlbestallten Schatzmeister des Türkischen Kaysers“ in der Stadt Otzakow.

Eine Frau aus einer türkischen Familie am Schwarzen Meer – verheiratet mit einem Mann aus Hohegeiß im Harz.

Wie kam sie hierher?

Wie ich auf diese Geschichte gestoßen bin

Auf die Geschichte von Anna Charlotte Rhebisch bin ich eher durch Zufall gestoßen.

Bei der Recherche auf der Internetseite des Niedersächsischen Landesarchivs bin ich auf einen dort verfügbaren historischen Bericht aufmerksam geworden. Eigentlich war ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht auf der Suche nach einer solchen Geschichte.

Doch schon die ersten Informationen machten mich neugierig: Ein Pastor aus Hohegeiß hatte im Jahr 1747 eine Frau geheiratet, die aus einer türkischen Familie aus Oczakow am Schwarzen Meer stammte.

Je weiter ich mich in die Unterlagen einlas, desto ungewöhnlicher wurde die Geschichte. Aus einem zunächst unscheinbaren Archivfund entwickelte sich eine Lebensgeschichte, die von Oczakow über St. Petersburg und Blankenburg bis in den Harz führte.

Besonders spannend fand ich dabei, dass sich die Geschichte nicht nur auf eine einzelne Überlieferung stützt. Kirchenbücher, archivalische Unterlagen und die 1968 veröffentlichte Untersuchung von Annie Petersen ermöglichen es, den Lebensweg von Anna Charlotte Rhebisch und ihrem Ehemann Christian Moritz Grimm über mehrere Jahrzehnte nachzuverfolgen.

Genau solche Zufallsfunde sind für mich einer der spannendsten Aspekte der Familienforschung: Man sucht eigentlich nach etwas anderem – und plötzlich öffnet sich hinter einem Namen eine Geschichte, mit der man niemals gerechnet hätte.

Der Mann aus Hohegeiß

Christian Moritz Grimm wurde am 18. September 1722 in Hohegeiß geboren.

Er war das älteste Kind des Fuhrmanns Salomon Bernhard Grimme und seiner Ehefrau Anna Christiane, geborene Mast.

Am 30. Oktober 1741 schrieb er sich an der Universität Helmstedt ein und widmete sich dem Studium der Theologie. Nach seinem Examen erhielt er weitere kirchliche Aufgaben und wurde schließlich im Jahr 1747 zum Pastor in Zorge berufen.

Am 8. Oktober 1747 wurde Christian Moritz Grimm in seine erste Pfarrstelle eingeführt.

Noch im selben Jahr sollte er eine Frau kennenlernen, deren Lebensgeschichte kaum weiter von seiner eigenen Herkunft entfernt sein konnte.

Ein Mädchen aus Oczakow

Anna Charlotte Rhebisch wurde um das Jahr 1722 in Oczakow am Schwarzen Meer geboren.

In den älteren Überlieferungen erscheint sie unter dem Namen Abbas Cachiane Kaefe Rhebisch.

Ihr Vater Abbas stammte aus Konstantinopel. Nach der später überlieferten Familiengeschichte war er Schatzmeister und Kadi der türkischen Festung Oczakow.

Ihre Mutter stammte aus einer armenischen Familie aus dem Gebiet der Georgier.

Anna Charlotte wuchs zunächst in wohlhabenden Verhältnissen auf. Ihr Vater besaß nach ihrer späteren Schilderung mehrere Häuser, einen Garten und ein Gut außerhalb der Stadt.

Gemeinsam mit ihrer Schwester Ruwäda verbrachte sie dort ihre Kindheit.

Doch im Jahr 1737 änderte sich ihr Leben grundlegend.

1737 – Oczakow

Als Anna Charlotte etwa 15 Jahre alt war, rückte die russische Armee gegen Oczakow vor.

Die später von ihrem Ehemann aufgezeichneten Erinnerungen schildern die Einnahme der Festung und die Ereignisse danach aus ihrer persönlichen Sicht.

Nach der Einnahme der Stadt wurde Anna Charlotte gemeinsam mit ihrer Schwester Ruwäda gefangen genommen.

Die beiden Schwestern gelangten schließlich über Kiew und Moskau nach St. Petersburg.

Für die junge Anna Charlotte begann damit ein völlig neues Leben.

St. Petersburg – ein neuer Name

In St. Petersburg wurden die beiden Schwestern getrennt.

Ruwäda kam zum holländischen Residenten von Schwartz. Anna Charlotte wurde dem Hofarzt Dr. Jaquemin anvertraut.

Dort erhielt sie Unterricht in deutscher Sprache und in der christlichen Religion.

Schließlich entschloss sie sich zur Taufe.

Am 19. Januar 1739 wurde sie in der französisch-reformierten Kirche in St. Petersburg getauft.

Der erhaltene Taufauszug bezeichnet sie als „Ribeken née Turque“ – als Türkin und Tochter des Schatzmeisters von Oczakow.

Bei ihrer Taufe erhielt sie die Namen Anne Charlotte. In den späteren deutschen Quellen erscheint sie als Anna Charlotte Rhebisch.

Aus dem Taufauszug von St. Petersburg
„Ribeken née Turque fille du Tresonnier d'ockzakow“

Der Taufauszug wurde später beglaubigt und ist in der von Annie Petersen ausgewerteten Familienüberlieferung erhalten.

Der Weg nach Deutschland

Nach ihrer Taufe wurde Anna Charlotte nach Deutschland gebracht.

Dr. Jaquemin begleitete sie auf ihrer Reise. Der Weg führte zunächst nach Riga. Ursprünglich sollte die Weiterreise mit einem Schiff nach Danzig erfolgen. Anna Charlotte weigerte sich jedoch, das Schiff zu besteigen.

Die Reise wurde deshalb auf dem Landweg fortgesetzt.

Über Berlin und Braunschweig erreichte Anna Charlotte schließlich Blankenburg.

Hier sollte sie für die nächsten Jahre eine neue Heimat finden.

Am Hof der Herzogin

In Blankenburg wurde Anna Charlotte von Herzogin Christine Louise aufgenommen.

Die Herzogin machte sie zunächst zu ihrer Kammerfrau. Später wurde Anna Charlotte auch ihre Vorleserin.

Sie erhielt weitere Bildung und religiösen Unterricht und wurde schließlich konfirmiert und zum Abendmahl zugelassen.

Etwa sieben Jahre blieb sie am Hof.

Die Herzogin machte sich Gedanken über ihre Zukunft. Sie wollte verhindern, dass Anna Charlotte nach ihrem eigenen Tod schutzlos dastand.

Und deshalb kam ein Mann aus Hohegeiß ins Spiel.

Der Pastor aus Hohegeiß und die Türkin

Im Sommer 1747 ließ die Herzogin dem jungen Pastor Christian Moritz Grimm durch den Hofprediger Söllig einen Wink geben, um die Hand ihres Schützlings zu werben.

Grimm wollte jedoch zunächst wissen, was Anna Charlotte selbst über eine solche Heirat dachte.

Ihre Antwort ist überliefert:

„sie schicke sich nicht für einen Prediger auf dem Lande, weil sie die Haushaltung nicht verstände.“

Grimm gab den Gedanken an eine Heirat zunächst auf.

Doch der Hofdiakon erneuerte seinen Antrag. Nach einigen Wochen erkundigte er sich erneut bei Grimm, ob dieser noch bereit sei, Anna Charlotte zu heiraten.

Grimm stimmte zu – allerdings unter einer Bedingung: Er wollte Anna Charlotte zunächst selbst sehen und mit ihr sprechen.

Die Begegnung wurde ermöglicht. Sie fand in Gegenwart des Diakons und der Kammerfrauen statt.

Grimm war von ihrer Schüchternheit und Bescheidenheit beeindruckt. Auch Anna Charlotte fasste Vertrauen zu ihm.

Kurz darauf hielt Grimm bei der Herzogin um ihre Hand an.

Sechs Wochen später wurde die Verlobung gefeiert.

Dann starb die Herzogin

Eigentlich schien nun alles auf eine Hochzeit unter guten Voraussetzungen hinauszulaufen.

Doch am 12. November 1747 starb Herzogin Christine Louise.

Für Anna Charlotte war dies ein schwerer Verlust.

Gleichzeitig geriet ihre finanzielle Absicherung ins Wanken. Die Herzogin hatte ihr eine Aussteuer von 500 Talern zugesagt. Nach der späteren Untersuchung wurde diese Zusage jedoch nicht entsprechend umgesetzt.

Christian Moritz Grimm und Anna Charlotte standen damit unmittelbar vor ihrer Hochzeit ohne die erwartete finanzielle Unterstützung da.

Schließlich wurde ihnen von Herzogin Antoinette die Erlaubnis erteilt, sich in aller Stille trauen zu lassen.

Die Hochzeit am 1. Dezember 1747

Am 1. Dezember 1747 wurden Christian Moritz Grimm und Anna Charlotte Rhebisch in Blankenburg getraut.

Keine große Hofhochzeit, sondern eine stille Trauung.

Am folgenden Tag machte sich das junge Paar auf den Weg nach Zorge, wo Grimm seine erste Pfarrstelle angetreten hatte.

Dort geschah etwas, das für die Familienforschung von unschätzbarem Wert ist: Christian Moritz Grimm trug seine eigene Hochzeit in das Kirchenbuch ein.

Der Eintrag im Kirchenbuch von Zorge

Kirchenbuch Zorge – 1. Dezember 1747
„Ao. 1747 den 1ten December bin ich Christian Mour. Grimm, Pst., Salomon Bernhard Grimmen Fuhrmanns auf der Hohegeiß, und Johanna Christiane Masten erster eheleibl. Sohn, mit Jgfr. Anna Charlotte Rhebisch Cammerdienerin bey Ihrer Durchl. unsrer gnädigsten Hertzogin Christine Louise, verwittwete Hertzogin zu Brschwg. u. Lüneb., Herrn Abbas wohlbestallten Schatzmeisters des Türkischen Kaysers in der Stadt Otzakow ... zu Blankenburg Abends im Hause getrauet worden ...“

Dieser Eintrag ist für die Familienforschung besonders wertvoll.

Er nennt nicht nur das Ehepaar. Christian Moritz Grimm hält darin auch seine eigene Herkunft fest: den Vater Salomon Bernhard Grimme, die Mutter Johanna Christiane Mast und die Herkunft aus Hohegeiß.

Gleichzeitig erfahren wir etwas über Anna Charlotte, ihre Stellung am Hof, ihren Vater Abbas und ihre Herkunft aus Oczakow.

Ein einziger Hochzeitseintrag verbindet damit zwei Familiengeschichten, die kaum unterschiedlicher sein könnten.

Vom Blankenburger Hof in die Zorger Pfarrwohnung

Das Leben nach der Hochzeit hatte allerdings wenig mit dem Leben am Hof zu tun.

Das junge Paar war arm.

Anna Charlotte hatte Teile ihrer Aussteuer aus eigenen Mitteln bezahlt und auf die zugesagte finanzielle Unterstützung gehofft.

Diese Hoffnung erfüllte sich nicht.

Christian Moritz Grimms Vater konnte das Paar ebenfalls nicht unterstützen.

So begann die Ehe unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen.

Trotzdem wuchs die Familie.

Neun Kinder

Christian Moritz Grimm und Anna Charlotte bekamen insgesamt neun Kinder.

Die ersten Jahre in Zorge waren jedoch von finanziellen Sorgen geprägt. Grimm wandte sich wiederholt an kirchliche Stellen und schilderte die wirtschaftliche Situation seiner Familie.

Im Jahr 1757 wechselte er von Zorge nach Heimburg.

Auch dort blieb das Leben der Familie nicht frei von Schwierigkeiten.

Im August 1766 brachte Anna Charlotte ihr neuntes und letztes Kind zur Welt.

Wenige Wochen später erkrankte sie schwer.

Der Tod von Anna Charlotte

Anna Charlotte erholte sich zunächst noch einmal von ihrer Erkrankung. Doch ihre Beschwerden kehrten zurück.

Schließlich verschlechterte sich ihr Zustand.

Am 27. Oktober 1766 starb Anna Charlotte Rhebisch in Heimburg.

Ihr Ehemann war bei ihr und betete an ihrem Sterbebett.

Am 29. Oktober 1766 wurde sie beigesetzt.

Sie war vermutlich erst etwa 44 Jahre alt.

Was ihr Ehemann über sie bewahrte

Christian Moritz Grimm heiratete später noch zweimal.

Doch seine erste Ehefrau blieb in seiner Erinnerung.

Neben den kirchlichen Einträgen verfasste er später eine ausführliche Niederschrift über das Leben Anna Charlottes für seine Kinder.

Diese Niederschrift entstand nach der Überlieferung im Jahr 1784.

Das Original ist heute nicht mehr erhalten. Abschriften und Familienunterlagen ermöglichten es jedoch, ihre Lebensgeschichte teilweise zu rekonstruieren.

Mehr als 500 Nachkommen

Und genau hier wird aus einer außergewöhnlichen Ehe eine spannende genealogische Geschichte.

Die Familienforscherin Annie Petersen wertete für ihre 1968 veröffentlichte Untersuchung Kirchenbücher, Pfarrakten, Familienunterlagen und Angaben von Nachkommen aus.

Dabei konnte sie bereits mehr als 500 blutsmäßige Nachkommen von Christian Moritz Grimm und Anna Charlotte erfassen.

Die Nachfahrenliste erstreckte sich über acht Generationen und war ausdrücklich nicht vollständig.

Die Geschichte der jungen Frau aus Oczakow endete also nicht mit ihrem Tod im Jahr 1766.

Sie setzte sich in ihren Kindern, Enkeln und weiteren Generationen fort.

Eine Frau zwischen zwei Welten

Anna Charlotte Rhebisch hatte in ihrem Leben mehrere völlig unterschiedliche Welten kennengelernt.

Sie wurde um 1722 in Oczakow am Schwarzen Meer geboren.

1737 geriet sie als Jugendliche in russische Gefangenschaft.

1739 wurde sie in St. Petersburg getauft und erhielt die Namen Anna Charlotte.

Von dort führte ihr Weg über Riga und Berlin nach Blankenburg.

Am Hof der Herzogin Christine Louise wurde sie Kammerfrau und Vorleserin.

1747 heiratete sie Christian Moritz Grimm, den Sohn eines Fuhrmanns aus Hohegeiß.

Gemeinsam lebten sie zunächst in Zorge, später in Heimburg.

Sie bekamen neun Kinder.

Am 27. Oktober 1766 endete ihr Leben im Harz.

Doch ihre Nachkommen lebten weiter.

Und alles begann mit einem Kirchenbucheintrag

Vielleicht ist genau das der Reiz solcher Entdeckungen in der Familienforschung.

Man schlägt ein Kirchenbuch auf.

Man liest einen Namen.

Und plötzlich stellt man fest, dass hinter diesem Namen eine Geschichte steckt, die man niemals erwartet hätte.

Christian Moritz Grimm – Sohn eines Fuhrmanns aus Hohegeiß.

Anna Charlotte Rhebisch – geboren am Schwarzen Meer.

Zwei Menschen aus völlig unterschiedlichen Lebenswelten begegneten sich 1747 im Harz.

Und ihr gemeinsamer Weg lässt sich heute noch anhand von Kirchenbüchern, Archivalien und erhaltenen Familienunterlagen nachvollziehen.

Der vielleicht schönste Ausgangspunkt für diese Geschichte ist deshalb der Satz, den Christian Moritz Grimm selbst vor fast 280 Jahren in das Kirchenbuch von Zorge schrieb:

„Salomon Bernhard Grimmen Fuhrmanns auf der Hohegeiß ...“

Ein kleiner Satz.

Aber dahinter verbirgt sich eine außergewöhnliche Geschichte.

Quellen

  • Annie Petersen: Pastor Christian Moritz Grimm aus Hohegeiß im Harz (1722–1789) und seine türkische Ehefrau Abbas Cachiane Kaefe Rhebisch – Lebensschicksal und Nachkommen, Oldenburgische Familienkunde, Jahrgang 10, Heft 2/3, November 1968.
  • Taufregister der Französischen Reformierten Kirche in St. Petersburg, 19. Januar 1739.
  • Kirchenbuch Zorge, Hochzeitseintrag Christian Moritz Grimm und Anna Charlotte Rhebisch, 1. Dezember 1747.
  • Kirchenbuch Heimburg, Sterbeeintrag Anna Charlotte Rhebisch, Oktober 1766.
  • Weitere von Annie Petersen ausgewertete Pfarrakten und Familienunterlagen.

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